Das Grosse Heft // Interview Ulrich Matthes

Interview Ulrich Matthes

KANNTEN SIE DEN ROMAN VON ÁGOTA KRISTÓF VORHER?

Dieses wirklich fantastische Buch von Agota Kristof war mir bekannt, ich hatte es vor 15, 20 Jahren gelesen und war auch damals schon hin und weg von diesem Buch. Das hat mich damals sehr ergriffen. Als ich dann das Angebot für den Film bekam, dachte ich, das ist ja ein Sechser im Lotto. Dann war ich sehr gespannt und neugierig und auch ein bisschen ängstlich, ob das Drehbuch der Qualität der Vorlage standhalten würde, und das hat es getan. Also insofern war das wirklich absolut beglückend für mich.

WAS BEEINDRUCKT SIE SO AN DEM ROMAN UND AN DEM FILM?

Einmal der inhaltliche Aspekt: Ich fand es einfach toll, wie Ágota Kristóf die Geschichte dieser Zwillinge komprimiert, wie sie anhand dieser Kinder eine fast parabelhafte Situation, eine Art von Überleben in einem totalitären System schildert. Wie man sich quasi nach außen hin schützt, indem man sich abhärtet, sich auch unempfindlich macht, sich gegenseitig Schmerzen zufügt, sich konditioniert. Das anhand von Kindern zu erzählen, fand ich einen enormen und auch besonders berührenden Kunstgriff. Auch die einzelnen Episoden fand ich sehr stark, also die unterschiedlichen Formen von Gewalt, mit denen die Zwillinge konfrontiert sind.

Und dann der formale Aspekt, dass dass so lakonisch geschildert ist, in sehr knappen, sehr einfachen, vom Gestus her wie tagebuchartigen Sätzen. Und ich merke, wie der János Szász diese Art von Lakonie oder einfachem Erzählen bestärkt, sozusagen die Suche nach einer möglichst großen Lebendigkeit im Spiel und trotzdem einer großen Einfachheit. Das ist wirklich sehr schön. Und es entspricht dem Klima, dem Geruch, dem Geschmack des Romans.

WIE WÜRDEN SIE IHRE FIGUR CHARAKTERISIEREN?

Ich spiele den Vater der Zwillinge. Das Schöne an der Figur ist, dass sie zu Beginn des Films die heitere Familie, die noch einander zugewandte Familie zeigt. Und am Ende kommt er geradezu zerstört aus dem Krieg wieder. Auch das Verhältnis zu den Kindern ist dann merkwürdig erschüttert. Die haben sich entwickelt, sie sind älter geworden, sie sind aber ihm gegenüber auch auf eine merkwürdige Weise kalt. Es ist wirklich eine wahnsinnige Kluft zwischen dem Vater am Anfang und dem am Schluss. Insofern ist das schauspielerisch eine sehr interessante Herausforderung.

WIE WAR DIE ARBEIT MIT DEN KINDERN AM SET, WIE WAR DIE VERSTÄNDIGUNG?

Diese Kinder sind wirklich aberwitzig talentiert, das ist ein solches anrührendes Vergnügen ... Intuitiv machen die irgendwie alles richtig. Das ist phänomenal. Dass sie ungarisch sprechen, hat mich am ersten Drehtag noch irritiert, weil ich nicht so direkt und impulsiv reagieren konnte, wie ich es gewohnt bin. Ich wusste ja, was mich erwartet, aber es war trotzdem eine Überraschung. Dazu das Englisch, das als Regie- oder sonstige Anweisung auf mich einprasselte ... Später störte mich das dann überhaupt nicht mehr. Ich wusste ja, worum es geht.

‚DAS GROSSE HEFT‘ ERZÄHLT SEINE GESCHICHTE SOZUSAGEN SACHLICH, AUF BESTIMMTE WEISE MITLEIDSLOS, MIT WENIGEN LICHTBLICKEN. WELCHE ROLLE SPIELT DIE EMPATHIE IN IHRER ARBEIT?

Grundsätzlich spielen Empathie, Mitempfinden, Mitgefühl für mich eine wesentliche Rolle. Es geht mir im Grunde mit meiner Schauspielerei ganz wesentlich darum, in den Menschen auch so etwas wie Empathie zu erzeugen, für die Widersprüchlichkeit von Menschen, für das Schöne von Menschen-Möglichkeiten, die schwer einzuordnen sind. Ich versuche meine Rollen so zu spielen, dass sie sich einer zu schnellen Haltung dazu, einer zu schnellen Meinung dazu ein bisschen entziehen. An Empathie mangelt es, glaube ich, grundsätzlich etwas in der Welt.

Insofern ist diese Art von Mitgefühl etwas, was auch in so einem Film, der sozusagen von mitleidlosen Handlungen oder einer mitleidslosen Situation handelt, wichtig ist. Natürlich kann man auch in so einer Situation – auch als Zuschauer – so etwas wie Empathie empfinden, für die Zwillinge allemal. Für diese Kinder, die dieser Situation ausgesetzt sind und versuchen, mit ihren zwölf, dreizehn Jahren in irgendeiner Weise damit fertig zu werden. Nachdenken und Mitgefühl schließen sich nicht aus.